Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst

Bignia Corradini

1951 in Zürich geboren

Lebt seit 1972 in Berlin

Neben privaten Stipendien erhält Corradini von 1972 bis 1981 mehrmals Kunststipendien von Stadt und Kanton Zürich, 1975 das Eidgenössische Kunststipendium. 1988,1992 und 1995 Auftragsarbeiten im Bereich Kunst und Architektur. Seit 1971 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen vor allem in der Schweiz und in Deutschland. Ihre Werke sind in öffentlichen und privaten Schweizer Sammlungen vertreten. Corradinis künstlerische Entwicklung ist zu Beginn von ihrer gesellschaftskritischen Haltung und Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau geprägt. Ineinandergreifend dominieren die Themen Frauen und Landschaften von 1971 bis Ende der 70er Jahre ihre Malerei, die über den problematischen Rahmen einer feministischen Kunst klar hinausweist.

Das wachsende Interesse an der Farbe drängt um 1980 das Motiv zurück. Zur expressiven Abstraktion und Abwendung von der neuen Figuration ihrer Generation gelangt Corradini über Werkgruppen wie Vulkanausbrüche und Tücher sowie die in New York begonnene, auf Papier gemalte Serie Flecken.

Die grossformatigen Leinwandbilder ab 1981, bestimmt durch offene, lichte Räume mit auseinanderdriftenden Splitterformen, markieren eine tiefgreifende Zäsur. Die Auflösung der Form vollzieht sich im dynamischen Malakt gleichsam als explosionsartiges Bersten. War Bewegung bereits im wichtigen Motiv der bogenspannenden Frauenfigur intendiert, befreit sich ihr Ausdruck nun vom Gegenstand und verlagert sich auf die Ebene der bildnerischen Mittel: Bewegung an sich wird thematisiert und erscheint fortan als konstitutiver Aspekt des Schaffens. Bei gesteigerter Dramatisierung des Bildgeschehens, die sich in heftiger Pinselgestik mitteilt, werden Mitte der 80er Jahre die Form-Grund-Beziehung und die Fragmentierung teilweise zugunsten von dichten Farbräumen aufgelöst.

Das um 1990 erneut modifizierte malerische Konzept ist durch "Ungleichartiges" (Corradini) gekennzeichnet. Extrem heterogene, stark materialgebundene malerische Elemente werden miteinander in Bildern konfrontiert, die spannungsgeladene Energiefelder evozieren.

Die Komplexität und Vieldeutigkeit insbesondere der jüngsten Werke Corradinis ergeben sich durch die Synthese von intensivem Ausloten der Ausdrucksmittel, von malerischer Spontaneität als Ausdruck emotionaler Befindlichkeit und bewussten Setzungen im Verlauf des Malprozesses.

Unterstützt durch assoziativ gewählte Titel gelangt Corradini zu konzentrierten Reflexionen über Zeit und Raum und zugleich offenen und existentiellen Aussagen über eine Lebenswirklichkeit, die Spannungen und Widersprüche zu integrieren vermag.


Maria Smolenicka aus: Biographisches Lexikon der Schweizer Kunst. 1998

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