Eine kleine Einführung zum Werk von Bignia Corradini
Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 24. März 2011

Galerie im Rathaus Temeplhof, Berlin



Wenn ich gefragt werde, was ich auf den abstrakten Bildern von Bignia Corradini sehe, dann sage ich immer, ich sehe die Bewegung des "Sich Hineinstürzens". Sich hineinstürzen ist eine mutige Bewegung; sie ist gezielt, gewollt und voller Unternehmungslust. Vor allem ist sie eine sportliche Bewegung. Skifahrer stürzen sich eine Piste hinunter, Schwimmer stürzen sich in die Fluten. Sicherlich fragen Sie sich nun, was soll eine solche Beschreibung für die Kunst erbringen? Aber für Bignia Corradinis Bilder aus den letzten 10 Jahren scheint es mir eine treffende Beschreibung zu sein, weil sie die hohe Bewegungspotenz der Bilder wiedergibt.

Beginnen wir nun mit einer Bildbeschreibung. Die Künstlerin konstruiert Bildräume, in denen sich flächige und gestische Formen überlagern, kräftige und leichte, dunkle und helle Farben zueinanderstehen. Schauen wir zum Beispiel hier hin. Hier bildet sich aus dem klug zusammengesetzten Spiel von Farben und Formen ein bildräumlicher Strudel, ein Sog zur Bildmitte hin, in eine imaginäre Bildtiefe hinein. Oder in der entgegengesetzten Richtung, wie hier zum Beispiel, expandiert die Bewegung der Farben und Formen weit über das Bildobjekt hinaus, läßt geradezu eine Explosion der bildlichen Begrenzungen entstehen.

Robert Kudielka, Kunsthistoriker und Professor an der Universität der Künste Berlin, hat mit seiner Formulierung "Die Bewegung in Bewegung haltend" treffend das bildnerische Kompositionsprinzip von Bignia Corradini charakterisiert. Es gibt dabei, wie schon angedeutet, zwei Richtungen der Bewegung. Einmal strebt die Komposition zentripetal in die Bildmitte. Durch den visuellen Sog entsteht eine ganz eigenwillige räumliche Wirkung. Denn obwohl die Flächigkeit der Form- und Farbkonstruktion sehr betont ist, entsteht durch die Schichtungen und das Bewegungsmoment in den Formen eine bildräumliche Tiefe.

Ein umgekehrtes Spiel treibt Corradini bei den Wand-Objekten, den kleinen Holzkästen, die sie "Winzlinge" nennt, und bei den vieleckigen Kuben, den sogenannten "Preziosen", die frei im Raum stehen. Hier wird zwischen dem räumlichen Bildträger und dem umgebenden Realraum ein überraschender Bezug hergestellt, da die Komposition auf diesen Objekten zentrifugal konstruiert ist. Farben und Formen erstrecken sich geradezu expansiv über die Ecken und Kanten des Bildobjektes hinaus, scheinen dort nicht zu enden. So entsteht der Eindruck, als seien die Bildobjekte Ausschnitte aus einem mit Farbformen gefüllten Raum, den wir nur nicht sehen können, der aber von diesen Bildobjekten eben ausschnittweise aufgefangen und dadurch für uns sichtbar wird.

Bewegung darzustellen, ist ein entscheidendes Moment in der modernen Malerei - denken Sie an den Kubismus oder Futurismus zu Beginn der Moderne. Es gilt, dem Betrachter multifokale Ansichten zu offerieren. Das heißt, als Betrachter kann man verschiedene Standorte der Bildanschauung auswählen und ausprobieren. Durch die Arbeiten von Bignia Corradini wird man als Betrachter aus der Starre der frontalen und kontemplativen Bild-Anschauung gelöst und hineingelockt in eine eigene Bewegung.

Besonders verlockend ist dies bei den Bildobjekten, die Sie hier auf den Sockeln sehen, oder bei dem dichten Reigen der von der Decke hängenden beweglichen Bildscheiben. Diese drehen sich im Windzug, der durch Bewegungen im Raum entsteht. Der Farbauftrag auf ihnen greift die freie Beweglichkeit der Scheibe auf, verdoppelt und spiegelt sie. Es entsteht ein verblüffender, wirbelnder Bildeindruck. Ein Betrachter, der feste Gefüge bevorzugt, wird hier eher von Schwindel ergriffen. Aber wer seine Wahrnehmung umstellt und öffnet, als sei er in einem fahrenden Mobil, kann sich von der Vielgestaltigkeit des Bildes lustvoll überraschen lassen.

Mit der zentripetalen und zentrifugalen Bildkonstruktion greift Bignia Corradini das Moment der schnellen Bewegung auf, das unsere Wahrnehmung in der Moderne so entscheidend verändert hat. Sie knüpft aber zugleich auch an die Tradition der multifokalen Bilder an, die im Mittelalter entstand und die immer wieder Künstler faszinierte, weil sie als Gegenstück zur später entstandenen Zentralperspektive, die den Betrachter fixiert, zu verstehen ist. Noch heute regt die Tradition des multifokalen Bildes Künstler zu neuen, zeitgemäßen Fassungen der Mehransichtigkeit an.

Über diese wahrnehmungsphysiologischen und kunsthistorischen Aspekte hinaus, hat das Zentripetale und Zentrifugale auch höchst psychologische Implikationen. Und hier kann ich zurückblenden zu meiner Eingangsbemerkung: dem bildlichen Moment, sich hineinzustürzen. Im Unterschied zum streng geordneten Raster, das Sicherheit und Überblick bietet, hebt hier die Bildkomposition den eindeutigen Blickpunkt auf und formuliert eine Sichtweise, die höchst beweglich, schwingend und neugierig ist. Man kann den Blick, den Bignia Corradinis Bilder fordern, getrost abenteuerlustig nennen.

Und damit komme ich zu den neuesten Arbeiten von Bignia Corradini. Hier tritt die Künstlerin in eine neue Werketappe ein, beschreitet sie neue Wege der Formkomposition. Daß für das Werk von Bignia Corradini Bewegung und Beweglichkeit kennzeichnend sind, ist klar. Das trifft aber auch für die Künstlerin selbst zu. Es gibt zwischen dem Kompositionsmodus der Bilder und der künstlerischen Haltung von Corradini eine ungewöhnliche Übereinstimmung, die in dieser Kongruenz nicht immer in der Kunst anzutreffen ist. Die Übereinstimmung liegt darin, immer bereit zu sein, ins Ungewisse aufzubrechen und Neues zu erforschen.

Mit den aktuellen Bildern nimmt uns Corradini in einen neuen - ich nenne es einmal so - "Forschungsbereich" mit, den sie für sich entdeckt hat. Es ist der Zusammenhang zwischen freien Formen, ihren bildräumlichen Schichtungen und Überlagerungen und dem streng gefaßten Ornament, das sich in der Fläche entwickelt. Diese Gegensätze werden in den neuen Bildern kombiniert und erprobt.

Diese "Bildforschung", die aus Sicht der Künstlerin wohl eher intuitiv abläuft, sich aber meiner Meinung nach doch höchst systematisch aus dem immensen Erfahrungsschatz der Malerin ableitet, hat etwas von der modernen Chaosforschung. Die Chaosforschung beschäftigt sich mit den hochkomplexen Strukturen dynamischer Systeme. Chaosforscher bemühen sich, die Berechungs-Ungenauigkeit, die durch die Hochkomplexität entsteht, zu verstehen und sie dahingehend zu analysieren, dass das der Ungenauigkeit zugrundeliegende System verständlich wird.

Bignia Corradini betreibt ihre ästhetische "Chaosforschung" nach dem Motto, das sie kürzlich so formulierte: "Eine Rechnung, die nicht aufgeht und doch stimmt". Für die Bildkonstruktionen heißt das: sie vermengt die übersichtliche und meist symmetrische Ordnung des Ornaments mit zentripetalen Form-Schichtungen und -Überlagerungen.

Diese neuen Bilder sind noch aus einem weiteren Grunde im besten Sinne zeitgenössisch: Sie formulieren nämlich Ansichten, die unübersichtlich sind. Sie thematisieren den Zustand unserer heutigen Realität, die der deutsche Philosoph Jürgen Habermas als neue "Unübersichtlichkeit" beschrieben hat. Es hilft uns für unsere Lebenswirklichkeit, für unsere Erfahrung von Welt herzlich wenig, sich gegen diese Unübersichtlichkeit zu stemmen, sich gegen sie abzuschotten. Die Wirklichkeit, wie sie ist, können wir nicht ausblenden - jedenfalls nicht ohne Verlust.

Bignia Corradini hat als Farb- und Form-Meisterin einen überzeugenden Weg gefunden, uns die Unübersichtlichkeit als Lebensgefühl geradezu schmackhaft zu machen, verlockt sie uns doch in die Bilder hineinzuschauen und schon sind wir dann mitten in einem belebenden Training, mit Unübersichtlichkeit lustvoll umzugehen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun viel Vergnügen in der Ausstellung.

Dr. Anne Marie Freybourg Kunsthistorikerin und freie Kuratorin, Berlin freybourg@snafu.de





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